Ci
Zwei eigenständige Gruppen von Ci; chinesischer Ausgangstext und Übersetzung stehen einander gegenüber.
A1B1A2B2B3B4B5A3A4A5A6A7B6A8B7A9außerhalb des Zyklus9. Sep.12
01
Sechzehn Gedichte von A und B
Ein Zyklus aus sechzehn Gedichten, von einer Person in zwei Stimmen geschrieben, A (甲) und B (乙). A gibt meist eine ausführliche Vorbemerkung; die ersten fünf Gedichte von B sind unbetitelt. Der Zyklus ist auf den 9. Juni 2026 datiert. Ein Gedicht außerhalb des Zyklus vom 1. Juli folgt als Anhang. Die zugehörigen Anmerkungen sind auf Anfrage erhältlich.
甲乙十六首
甲一《臨江仙 · 與同硯燈下夜坐,侵曉方別》
幾度深宵同默坐,孤燈紅淚垂遲。
一秋心緒有誰知。
啓窗星欲墜,光落兩人衣。
不語各含無限思,而今惟道相期。
夜闌暗忘漏聲移。
慵來還指日,明日又今時。
Nach der Melodie Linjiangxian · Nachts bei Lampenlicht mit jemandem aus dem Studium sitzend; Abschied erst im Morgengrauen
Wie oft saßen wir zusammen schweigend, tief in der Nacht;
die roten Tränen der einsamen Lampe fielen langsam.
Wer kennt die Regungen eines ganzen Herbstes?
Wir öffnen das Fenster: ein Stern, kurz vor dem Fall,
sein Licht auf unser beider Kleidern.
Schweigend, beide voller Gedanken ohne Ende;
jetzt sagen wir nur, dass wir uns wiedersehen.
Die Nacht wird spät; unbemerkt rückt die Wasseruhr weiter.
Müde nennen wir dennoch einen Tag:
morgen, um dieselbe Stunde.
乙一《無題 · 臨江仙》
虛廊月好人初定,同攜花徑遲遲。
燈前笑語兩無疑。
舊衾隨手與,今日不須知。
客散非因誰獨在,他人皆自相依。
席旁偶坐共相棲。
漏殘晨露上,風過落花時。
Ohne Titel · Nach der Melodie Linjiangxian
Der Mond ist hell im leeren Gang; die Menschen sind eben zur Ruhe gekommen.
Gemeinsam lassen wir uns Zeit auf dem Blumenpfad.
An der Lampe lachen und reden wir, ohne Zweifel zwischen uns.
Die alte Decke, beiläufig herübergereicht.
Heute braucht man nichts zu wissen.
Die Gäste zerstreuen sich, doch nicht weil jemand allein bleibt;
die anderen haben jeweils jemanden, an den sie sich lehnen.
Zufällig sitzen wir neben dem Tisch und finden dort gemeinsam Rast.
Die Wasseruhr läuft aus; Morgentau sammelt sich.
Wind geht vorüber, während Blütenblätter fallen.
甲二《臨江仙 · 醉後扶靨登樓,夤夜同倚,人問不避》
沈醉曾扶相並倚,登樓未肯人知。
今宵燈影漸迷離。
漏殘催曙色,猶帶靨邊緋。
同擁寒衾還細話,當筵曾許心期。
醒來可認醉中辭?
朝霞渾未記,宿霧已盈墀。
Nach der Melodie Linjiangxian · Nach dem Wein, eine Wange stützend, stiegen wir hinauf; tief in der Nacht lehnten wir beieinander; auf Fragen wichen wir nicht aus
Tief im Rausch stützten wir einander und lehnten Seite an Seite.
Wir stiegen hinauf und wollten nicht, dass die anderen es wussten.
Heute Nacht verschwimmt das Lampenlicht.
Die Wasseruhr läuft aus und treibt die Dämmerung heran;
noch haftet Röte an der Wange mit dem Grübchen.
Gemeinsam unter der kalten Decke, leise weiterredend;
beim Fest wurde einst ein Versprechen des Herzens gegeben.
Im Wachen: Wird noch anerkannt, was im Rausch gesagt wurde?
Vom rosigen Morgenlicht weiß ich nichts mehr.
Nachtnebel hat bereits die Stufen gefüllt.
乙二《無題 · 踏莎行》
一室香温,兩痕影並。
笑聲沉入簾間暝。
隔簾燈色欲先寒,有人暗處衣光冷。
欲喚還休,歡猶未省。
分明一水無舟艇。
殘灰散盡各歸時,餘釭獨照空庭靜。
Ohne Titel · Nach der Melodie Tasuoxing
Ein Zimmer warm von Duft; zwei Schattenspuren Seite an Seite.
Lachen sinkt ins Dunkel zwischen den Vorhängen.
Hinter dem Vorhang scheint selbst das Lampenlicht zuerst zu frieren;
jemand im Dunkel, das Licht auf der Kleidung kalt geworden.
Schon will ich rufen, halte dann inne; der Mensch, den ich liebe, ahnt noch nichts.
Eine Wasserfläche, klar vor Augen. Kein Boot.
Wenn die letzte Asche verstreut ist und jeder heimgeht,
beleuchtet die verbliebene Lampe allein den stillen, leeren Hof.
乙三《無題 · 臨江仙》
燭暗蛩寒簾影瘦,殘酲猶帶微温。
筆停紙澀墨先吞。
未緘還自疊,一折一重門。
不是東風先折取,恐花為我辭根。
新痕舊鑰莫輕論。
相逢原是客,客受主家恩。
Ohne Titel · Nach der Melodie Linjiangxian
Kerze dunkel, Grillen kalt, der Vorhangschatten dünn;
der letzte Weindunst hält noch ein wenig Wärme.
Der Pinsel stockt. Das Papier sperrt sich. Die Tinte schluckt zuerst.
Noch unversiegelt falte ich es wieder zusammen;
mit jeder Falte eine Tür mehr.
Nicht dass der Ostwind sie zuerst abgebrochen hätte;
ich fürchte, die Blüte könnte meinetwegen ihre Wurzel verlassen.
Sprich nicht leichtfertig von neuen Spuren und einem alten Schlüssel.
Als wir uns trafen, war ich immer nur Gast;
und ein Gast empfängt die Güte des Hauses.
乙四《無題 · 渡江雲》
清銅新樣齒,欲封還止,殘熱指間彈。
忽燈前小影,緘淺香微,半晌已潸然。
綢繆一晌,轉覺是、別處温言。
空鑄得、舊模新鑰,紋疊總相沿。
更闌。
啼痕自拭,燭燼重挑,奈宵長箋短。
謄復塗、深言怕誤,淺字偏安。
明朝銅色經他手,便認作、一諾窮年。
燈滅後、丁寧只是加餐。
Ohne Titel · Nach der Melodie Dujiangyun
Glänzendes Kupfer, Zähne neu geschnitten.
Schon will ich es versiegeln, da halte ich inne;
noch warm, lasse ich es zwischen den Fingern schnellen.
Plötzlich ein kleiner Schatten vor der Lampe;
der Brief nur leicht versiegelt, sein Duft schwach;
und schon sind die Tränen da.
Ein Augenblick der Innigkeit;
dann das Gefühl: Diese warmen Worte gehören anderswohin.
Vergeblich habe ich einen neuen Schlüssel nach der alten Form gegossen;
die Rillen, Schicht um Schicht, folgen alle denselben Linien.
Die Nacht wird spät.
Ich wische die Tränen fort, richte den Docht erneut.
Was tun: die Nacht so lang, das Papier so kurz.
Abschreiben, wieder streichen;
ich fürchte, tiefere Worte könnten falsch verstanden werden;
schlichtere Worte bleiben sicher.
Morgen, wenn das Kupfer in andere Hände gelangt,
wird es für ein Versprechen auf Lebenszeit gehalten.
Nach Erlöschen der Lampe bleibt nur meine Bitte: Iss gut.
乙五《無題 · 十六字令》
銅。鑰齒新裁付掌中。天寒了,加飯且從容。
Ohne Titel · Nach der Melodie Shiliuziling
Kupfer.
Ein Schlüssel, Zähne frisch geschnitten, in deine Hand gelegt.
Die Kälte ist gekommen.
Iss gut, und lass dir Zeit.
甲三《鷓鴣天 · 卿贈鑰,附書數字,燈下展讀》
鑰齒新裁心自珍,提毫未寫已逡巡。
拆來只有三行字,半晌綢繆一晌嗔。
星欲墜,露初勻。
當時未敢喚真真。
案前字暖春封淺,猶有殘香繞指温。
Nach der Melodie Zhegutian · Du gabst mir einen Schlüssel, mit einem Zettel von wenigen Worten; bei Lampenlicht entfaltet und gelesen
Zähne des Schlüssels frisch geschnitten; ich hüte ihn.
Ich hebe den Pinsel; noch ehe ein Wort steht, zögere ich schon.
Beim Öffnen: nur drei Zeilen Schrift.
Eine Weile Zärtlichkeit, einen Augenblick Verdruss.
Ein Stern kurz vor dem Fall; der Tau legt sich eben gleichmäßig.
Damals wagte ich nicht, Zhenzhen im Bild beim Namen zu rufen.
Warme Worte auf dem Tisch, der Frühlingsbrief leicht versiegelt;
ein Rest Duft windet sich noch warm um meine Finger.
甲四,憶甲一《臨江仙 · 曩與同硯默坐數夕,別後音塵寖薄,久乃自定》
曾共虛廊默坐,當時只道尋常。
孤燈紅淚共商量。
不知秋已半,但覺夜初長。
別後音書都杳,逢人怕説西窗。
偶因殘夢溯流光。
思忘還入枕,避跡反成雙。
Nach der Melodie Linjiangxian · Erinnerung an A1: Einst saß ich mehrere Abende schweigend mit jemandem aus dem Studium; nach dem Abschied wurden Nachrichten selten, und erst nach langer Zeit fand ich wieder zu mir
Einst saßen wir schweigend zusammen im leeren Gang;
damals hielt ich es nur für gewöhnlich.
Die roten Tränen der einsamen Lampe hielten mit uns Rat.
Ich wusste nicht, dass der Herbst schon halb vorüber war;
ich spürte nur, wie die Nächte länger wurden.
Seit dem Abschied sind Briefe und Nachrichten versiegt.
Wenn ich Menschen treffe, fürchte ich, vom Westfenster zu sprechen.
Dann und wann trägt mich ein zerbrochener Traum stromauf durch die Jahre.
Was ich vergessen wollte, kommt mit mir aufs Kissen zurück;
jede Spur meidend, finde ich mich noch immer mit ihr gepaart.
甲五,憶甲二《臨江仙 · 記醉後扶靨登樓,夤夜人問,始無避焉》
曾倚微醺乘月,並肩同倚更闌。
當筵人問不曾瞞。
雪泥誰去早,此後各風煙。
別處星辰未改,人間幾換流年。
舊潮猶帶醉時顏。
思忘成此闋,相對鬢先斑。
Nach der Melodie Linjiangxian · Erinnerung an A2: Nach dem Wein, eine Wange stützend, stiegen wir hinauf; als man spät in jener Nacht fragte, wich ich zum ersten Mal nicht aus
Einst, vom Wein ein wenig getragen, gingen wir im Mondlicht;
Schulter an Schulter, aneinandergelehnt, als die Nachtwache weit fortschritt.
Beim Fest, als man fragte, verbarg ich nichts.
Auf Schnee und Schlamm: Wer ging zuerst?
Von da an jeder im eigenen Wind und Nebel.
Anderswo haben sich die Sterne nicht verändert;
hier in der Menschenwelt, wie viele Jahre sind umgeschlagen.
Die alte Flut trägt noch ein vom Wein gerötetes Gesicht.
Der Wunsch zu vergessen ist zu diesem Ci geworden;
einander gegenüber ergrauen zuerst unsere Schläfen.
甲六,憶甲三《鷓鴣天 · 篋中故鑰銅花滿眼,追念往還書字,悵然有作》
小鑰經年鏽暗生,故箋翻罷眼猶明。
當時避卻鴛鴦字,卻把鴛鴦寫幾層。
窗月冷,鬢霜驚。
如今畫裏喚誰名。
相看似隔前生事,齧盡痴根草又青。
Nach der Melodie Zhegutian · Erinnerung an A3: der alte Schlüssel im Kasten, voller Grünspan; im Rückblick auf die gewechselten Briefe, in Wehmut geschrieben
Ein kleiner Schlüssel: Mit den Jahren ist dunkler Rost gewachsen.
Die alten Briefe zu Ende gelesen, meine Augen noch hell.
Damals blieben die Worte „Mandarinenten“ ungeschrieben;
doch Mandarinenten wurden hineingeschrieben, Schicht um Schicht.
Kalter Mond am Fenster; Reif an den Schläfen, ein Schrecken.
Nun, im Bild, wessen Namen gibt es zu rufen?
Einander gegenüber, als läge ein früheres Leben dazwischen.
Die Wurzel der Sehnsucht bis auf nichts zernagt; das Gras ist wieder grün.
甲七《臨江仙 · 分蕙寄某,憶昔贈蘭蓀時,惘然有作》
手分舊蕙移新種,如今可記春温。
當初玉指贈蘭蓀。
不知根已定,空自換苔痕。
別後西窗青幾度,也應灌溉朝昏。
爾來各自長年輪。
偶然風過處,依約暗香聞。
Nach der Melodie Linjiangxian · Eine Orchidee teilen und jemandem schicken; Erinnerung an die einst geschenkten duftenden Kräuter; in Wehmut geschrieben
Mit eigener Hand teile ich die alte Orchidee für neue Pflanzungen.
Ist die Wärme jenes Frühlings heute noch im Gedächtnis?
Damals gaben Jadefinger die duftenden Kräuter.
Ich wusste nicht, dass die Wurzeln längst Halt gefunden hatten;
nur die Moosspuren wechselten, vergeblich.
Seit dem Abschied: Wie oft ist das Westfenster grün geworden?
Du gießt wohl auch morgens und abends.
Seitdem hat jeder von uns eigene Jahresringe wachsen lassen.
Wo zufällig ein Wind vorübergeht,
ein schwacher Duft, eben noch erkennbar.
乙六《得某所寄》
故盆移蕙草,幾度誤春痕。
鄰圃分新種,行人折故根。
窗虛留寸土,門掩各朝昏。
別後遷新邑,經年異故園。
囊空行愈遠,塵積逐年增。
盆碎無遺瓦,殘根失所憑。
君書今日至,手尚帶春泥。
稚女描新帖,盆花落漸稀。
虛廊月正好,燈下話綢繆。
窗前蕙草綠,檐外晨露稠。
更殘人未散,深意眼中收。
君書千里至,字字是舊秋。
展卷心先遠,擱筆無可酬。
非是無一字,風過落花休。
掩卷天將暮,稚女索殘詩。
舊盆花事盡,春至又生枝。
澆水成前事,素心終不移。
君舟向滄海,我亦有天涯。
Als das Zugeschickte ankam
Im alten Topf die Orchidee umgepflanzt;
mehr als einmal ging die Spur des Frühlings fehl.
Der Nachbargarten nimmt einen neuen Ableger;
ein Vorübergehender bricht eine alte Wurzel ab.
Am leeren Fenster bleibt ein Zoll Erde;
hinter geschlossener Tür, jeder bei eigenem Morgen und Abend.
Nach unserem Abschied zog ich in eine neue Stadt;
Jahre vergingen; nichts wie der alte Garten.
Mit leerem Beutel gehe ich immer weiter;
Staub sammelt sich mit jedem Jahr.
Der Topf zerbricht, keine Scherbe bleibt;
die verbliebenen Wurzeln haben nichts mehr, woran sie sich halten.
Dein Brief kam heute an;
Frühlingsschlamm noch an meinen Händen.
Meine kleine Tochter schreibt nach einer neuen Vorlage;
die Blüten im Topf fallen, werden weniger.
Der Mond war hell im leeren Gang;
an der Lampe sprachen wir zärtlich.
Orchideen grün vor dem Fenster;
dichter Morgentau jenseits der Traufe.
Die Nachtwache war fast vorüber; niemand war gegangen;
tiefer Sinn sammelte sich in den Augen.
Dein Brief kam über tausend li;
jedes Wort ein Herbst von einst.
Ich öffne die Blätter, mein Herz schon weit fort;
ich lege den Pinsel hin; keine Antwort reicht hin.
Nicht dass ich nichts zu sagen hätte;
Der Wind zieht vorüber; die fallenden Blüten ruhen.
Ich schließe die Blätter; Abend kommt.
Meine kleine Tochter bittet um die übrig gebliebenen Verse.
Im alten Topf ist die Blüte vorbei;
der Frühling kommt, neue Triebe wachsen.
Das Gießen ist eine Sache der Vergangenheit;
das schlichte Herz ist doch unverändert.
Dein Boot fährt aufs offene Meer;
auch ich habe meinen eigenen Horizont.
甲八《夜聞舊曲》
當時窗下別,今作檐前雨。
怕聽舊時曲,聲聲催天曙。
餘音不肯絕,繞作迴腸縷。
一燈寒在壁,照壁如照汝。
昔我今何在,孤影各茫然。
推窗山似海,萬古一微弦。
此聲殊未已,人世不知年。
側耳疑相答,餘音何處傳。
Nachts eine alte Melodie hören
Damals ein Abschied unter dem Fenster;
jetzt Regen vor der Traufe.
Ich fürchte, die alte Melodie zu hören;
Ton um Ton treibt die Dämmerung heran.
Der Nachklang will nicht enden,
windet sich zu Fäden, die das Herz verdrehen.
Eine einzelne Lampe, kalt an der Wand;
beleuchtet die Wand, als beleuchtete sie dich.
Wo ist das Ich von damals, jetzt?
Einsame Schatten, jeder ratlos.
Ich stoße das Fenster auf: Berge wie ein Meer;
alle Zeiten, eine leise Saite.
Dieser Klang ist noch nicht verklungen;
hier in der Welt keine Zählung der Jahre.
Ich neige das Ohr, unsicher, ob etwas antwortet.
Wohin wird der Nachklang getragen?
乙七《忘川 · 檢篋得舊稿,不復攜,悉以寄某,並題》
燈下讀舊詞,夜深方得眠。
當時渾不異,往事付流年。
我又移新處,君猶理舊篇。
小兒催入夢,蕙草立窗前。
莫攀檐前柳,莫數落花天。
忘川人自渡,各自有歸邊。
Wangchuan, der Fluss des Vergessens · Beim Durchsehen des Kastens alte Entwürfe gefunden; statt sie weiter mitzutragen, schickte ich sie alle fort, mit diesen Zeilen
Bei Lampenlicht lese ich die alten Gedichte;
erst tief in der Nacht konnte ich schlafen.
Damals schien nichts davon anders;
was vergangen ist, überlasse ich den Jahren.
Wieder bin ich an einen neuen Ort gezogen;
du ordnest noch die alten Seiten.
Das Kind drängt mich in den Schlaf;
die Orchidee steht vor dem Fenster.
Greif nicht nach der Weide vor der Traufe.
Zähl nicht die Tage fallender Blüten.
Jeder überquert den Fluss des Vergessens allein;
jeder hat ein Ufer, an das er heimkehrt.
甲九《鷓鴣天 · 得某所寄舊稿,燈下讀竟,與篋中所存合編,第其甲乙。裝成,客至輒出以相示,題其尾》
兩疊殘箋一夜看,當時燈影共成篇。
親將一線縫卿我,留得鴛鴦傍脊眠。
茶屢冷,燭頻殘。
尊前話到漏聲闌。
每逢座上人微哂,指點卿行在我邊。
Nach der Melodie Zhegutian · Nach Erhalt der alten Entwürfe las ich sie bei Lampenlicht, vereinte sie mit denen aus meinem Kasten und ordnete sie als A und B. Gebunden zeigte ich sie jedem Gast und schrieb dies ans Ende
Zwei Bündel alter Seiten, in einer Nacht gelesen;
unter dem Lampenlicht jener Tage werden die beiden Bündel zu einem Band.
Mit eigenen Händen ein Faden, um dich und mich zusammenzunähen;
und die Mandarinenten schlafend am Buchrücken zu bewahren.
Der Tee wird wieder kalt; die Kerze brennt wieder nieder.
Beim Wein zieht das Gespräch weiter, bis die Wasseruhr versiegt.
Sooft jemand am Tisch leise lächelt,
zeige ich: deine Zeilen, hier an meiner Seite.
集外 · 甲十《中呂 · 山坡羊 · 又過舊廬》
風迎面,人立此,
鼻尖一動魂先至。
認不真,卻認真,
繞來繞去街角立。
廿年風霜渾不記,
這點子氣味偏惦記。
遲,是誤了;
歸,也是誤了。
Außerhalb des Zyklus · Zhonglü-Modus · Nach der Melodie Shanpoyang · Wieder am alten Haus vorbei
Wind im Gesicht. Hier stehen geblieben.
Die Nase regt sich zuerst; die Seele kommt vor mir an.
Nicht sicher, ob es echt ist; und doch sicher.
Rund um die Straßenecke, wieder und wieder, dann stillstehen.
Zwanzig Jahre Wetter, nichts davon behalten;
dieses bisschen Geruch, behalten.
Zu spät; das war der Fehler.
Zurückkommen; auch das war der Fehler.
02
9. September 2026 · zwei Gedichte
Ein separates Paar; nicht Teil von Sechzehn Gedichte von A und B.
《鷓鴣天 · 連夕燈下試筆,未竟》
幾夕簾前共剪燈,平生話到又三更。
從頭説盡還存半,且任宵深硯自凝。
言漸杳,露初零。獨餘一語未分明。
頻頻蘸得毫端黑,墨至濃時偏不成。
二〇二六年九月九日
Nach der Melodie Zhegutian · Mehrere Abende an der Lampe, Schreibversuche; unvollendet
An manchen Abenden schnitten wir vor dem Vorhang gemeinsam den Docht;
ein ganzes Leben durchgeredet, und wieder war es die dritte Nachtwache.
Vom Anfang bis zum Ende alles erzählt; die Hälfte bleibt.
Lass die Nacht tief werden; lass die Tinte im Tuschstein von selbst stocken.
Die Worte werden dünn. Der Tau beginnt zu fallen.
Eine einzige Wendung bleibt, und sie will nicht klar werden.
Wieder und wieder kommt die Pinselspitze schwarz empor;
gerade wenn die Tinte am dichtesten ist, wollen die Worte nicht werden.
《臨江仙》
簾影幾宵長共話,露痕初濕闌干。
言猶未了息先安。
夢深渾不覺,月上夜將殘。
他日重簾垂到地,垂來一似從前。
手臨燈畔數迴旋。
明朝風或緊,窗且掩周全。
二〇二六年九月九日
Nach der Melodie Linjiangxian
Vorhangschatten, mehrere Nächte langen Gesprächs;
der erste Tau nässt das Geländer.
Die Worte noch nicht zu Ende; der Atem beruhigt sich zuerst.
Tief im Traum, nichts wissend;
der Mond steigt, die Nacht fast vorbei.
An einem anderen Tag wird der schwere Vorhang bis zum Boden fallen,
genau so fallen wie zuvor.
Eine Hand neben der Lampe, einige Male kreisend.
Morgen zieht der Wind vielleicht an;
vorerst das Fenster dicht schließen.